Leseprobe "Sehnsuchtswege"

 

 

Aus Kapitel 3, die zweite Chance

 

Für Paul beginnt der dritte Tag auf der Intensivstation, dem Vorzimmer des Todes, wie die Spezialabteilung von den Göttern in Weiß auch gerne genannt wird, wie immer – schmerzhaft. Das kleine, trostlose Zimmer scheint extra für Schmerzen gemacht zu sein. Unzählige lebenserhaltende Maschinen und Apparate, der medizinischen Weisheit letzter Schluss, reihen sich eng aneinander. Sie teilen sich den engen Platz des Krankenzimmers mit zwei schlichten, von Apparaturen umringten, Intensivbetten. Fahles, dämmriges Kunstlicht beleuchtet diesen kalten, seelenlosen Raum. Darin liegen zwei dem Tod geweihte, aber von Gevatter noch nicht abgeholte, Seelen in ihren geschundenen Körpern und erwarten, was das Schicksal noch alles für sie bereithält. Paul in dem einen Bett, im anderen ein junger Mann, der südländisch und ziemlich mitgenommen aussieht. Seinen Zimmerkollegen hat es offensichtlich noch schlimmer erwischt als ihn – Paul hat ein Gespräch der behandelnden Ärzte mitgehört: Sie werden ihm beide Beine amputieren müssen.

»Der arme Kerl ist sicher noch keine dreißig Jahre alt und schon bald ohne Beine. Für immer im Rollstuhl. Das würd’ ich nicht packen, da räum ich mich lieber gleich weg, als so zu leben«, sinniert Paul in abgeklärter Rationalität, die ihn immer dann überkommt, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht und emotional nicht mehr weiter weiß.

Plötzlich werden Pauls trübe Gedanken wieder von brutalen Schmerzen unterbrochen. Eine erneute Horrorschmerzattacke, wie er sie selbst seinen schlimmsten Feinden nicht wünschen möchte, überrollt ihn heute zum gefühlten hundertsten Mal.

Es fühlt sich an, als würde man ihn bei lebendigem Leibe häuten, so, als würde jemand mit voller Wucht ein Messer in den Rücken rammen und dann in der offenen Wunde tiefer und tiefer bohren, um zu guter Letzt noch ordentlich darin umzurühren. Ein unbändiger Schmerz, von aller Schonung, Menschlichkeit und Rücksicht entfesselt, macht sich breit, so, als würde man Paul ganz langsam und in ganz kleinen Dosen  das Rückenmark absaugen. Purer Horrorschmerz! Als würde man aus allen Zellen langsam und qualvoll auch noch die letzten Körpersäfte herauspressen.

»Verdammt noch mal, dass tut wieder höllisch weh!«, stößt es schmerzhaft aus ihm heraus, dennoch versucht er stark zu bleiben, oder zumindest der eben herbeigeeilten Intensivkrankenschwester gegenüber stark zu wirken.

Sein Gesicht verkrampft sich zu einem Felsen, der dem Schmerz trotzen möchte. Seine Fäuste sind geballt und dazu bereit, den Schmerzen voll ein paar in die Fresse zu hauen, wenn sie nur könnten. Paul ist kein Luschi, er ist kein Weichei. Er hält schon was aus. Schmerzen waren für ihn immer nur so etwas wie vorübergehende Benchmarks des eigenen Körpers, die es zu toppen galt. Aber dieses Mal ist alles anders. Solche Schmerzen kannte er bislang nicht. Diese Schmerzen haben eine neue, bisher unbekannte Qualität – eine neue Dimension der qualvollen Folter, der scheibchenweisen Selbstaufgabe.

Für die Intensivkrankenschwester Petra, die sich sehr um das Wohl aller Patienten, besonders aber um das der Neuankömmlinge kümmert, hingegen ist es Alltag. Sie kennt die Schmerzen der Intensivpatienten nur zu gut. Vieles hat sie erlebt und vieles hat sie mitansehen müssen in ihren zwanzig Dienstjahren. Gegen die Intensivstation ist alles, was sie zuvor erlebt hat, nur ein Klacks.

Immer wieder musste die taffe Schwester unsagbar viel Leid aus nächster Nähe miterleben. Den Tod und seine oft üblen Tricks, um die Leute abzuholen, kennt sie nur allzu gut. Die sympathisch, lockere Mittvierzigerin mit der frechen blonden Kurzhaarfrisur kennt ihre Patienten, so auch Paul, nur im angeschlagenem und meist stark zugerichteten Zustand. Die einen werden ruckzuck vom Knochenmann abgeholt, die anderen so schnell wie möglich wieder auf eine andere Station verlegt. Denn Petras Betten sind begehrt. Ihre Station erfreut sich der höchsten Nachfrage im ganzen Klinikum.

Pauls Gesicht ist kaum noch zu erkennen. Ein dichter Kopfverband und ein von Blutklumpen überzogenes und entstelltes Gesicht erlauben es nicht, seine durchaus vorhandene Ähnlichkeit mit Tom Cruise zu erkennen. Auch der Spitalspyjama, den sie ihm verpasst haben, lässt nichts von einem sportlichen Body darunter erahnen.

»Wenn der je wieder auf die Beine kommt, sieht er möglicherweise ganz nett aus. Könnte ein schnuckeliges Kerlchen sein, aber er ist sicher ein Werbeschnösel«, denkt Petra im Stillen vor sich hin, während sie die Krankenakte des Neuzugangs studiert.

Paul hingegen beschäftigen ganz andere Gedanken. Er fühlt sich ausgeliefert, eingesperrt und hilflos – gefangen zwischen all dem Leid und all den Geräten, die versuchen, dem Schicksal mit Hilfe der Technik ein Schnippchen zu schlagen. Als ob das irgendeine Aussicht auf Erfolg hätte! Er fühlt sich gefangen zwischen einem jungen Bettnachbarn, dessen Namen er nicht einmal kennt, und seiner eigenen Ungewissheit, gefangen in St. Pölten, der Stadt, die er immer als eine der trostlosesten und seelenlosesten überhaupt bezeichnet hat. Aber das war früher. Hier würde er nicht einmal sterben wollen, hat er immer gedacht.

»Hoffentlich kommt es jetzt nicht so«, richtet er den Blick zum Himmel.

 

 

Aus Kapitel 3, die zweite Chance

 

Mit voller Wucht peitscht der Regen auf die großen Glasflächen des Wohnzimmers. Dicke, schwere Tropfen rinnen unaufhörlich zu Boden. Es scheint, als würde der Himmel gerade zornig weinen. Seit gut drei Stunden sitzt Linda nun schon beinahe regungslos auf der großen weißen Ledercouch. In einem fort starrt sie mit leerem Blick in den vom Regen durchtränkten Garten.

Seit Pauls Unfall ist nichts mehr so, wie es einmal war. Alles ist nur noch Grau in Grau. Linda ist allein mit sich und ihren schweren Gedanken. Sie fühlt sich einsam, hilflos und zum ersten Mal im Leben vollkommen verlassen. Ein Gefühl von schmerzender Hilflosigkeit im Duett mit schwärzester Hoffnungslosigkeit überfällt sie neuerdings immer öfter ohne Vorwarnung – wie ein Terrorkommando aus dem Hinterhalt. Plötzlich wieder: Ein neuer Angriff auf ihre Seele beginnt. Mit zitternden Händen greift sie zu der Schachtel auf dem Glastisch vor ihr. Ein beherzter Griff zu den Tabletten und ein großer Schluck Whisky dazu.

»Was soll’s, Prost, altes Haus!«, leistet sich Linda wieder einmal selbst Gesellschaft, denn sonst ist ja keiner da.

Die Kinder hat sie übers Wochenende zu den Großeltern gebracht, damit sie sich endlich wieder ein wenig erholen kann und nicht auch noch ständig die bohrenden Fragen der Kleinen nach dem Papa beantworten muss – Fragen, die sie ohnehin nicht beantworten kann. Ganz allein ist Linda aber dennoch nicht. Sie hat jetzt immer öfter einen guten alten Freund zu Gast – einen Freund, den sie aus früheren Zeiten recht gut kennt, den sie aber eigentlich gar nicht mehr treffen wollte, ihren guten alten Freund, mit dem sie schon so vieles erlebt hat, ihren alten Freund aus Schottland: Mister Jonny Walker.

»Warum musstest du dir verdammt noch mal dieses unnötige Auto kaufen?«, fragt Linda schreiend und mit leicht anschlagender Zunge das Bild von Paul auf dem Sideboard neben ihr.

»Wie geht’s jetzt weiter? Wie zahlen wir das Haus, die Schulden, wie zahlen wir das jetzt alles, ha? Wie machen wir das jetzt, Paul? Mister Supergscheit, gib mir gefälligst eine Antwort!«, schreit sie völlig überdreht – so laut, dass sich ihre Stimme immer wieder überschlägt – vorwurfsvoll das Foto ihres Mannes an.

Schwere Tränen laufen über Lindas Wangen und der Whisky in ihre Kehle. Die mit dem goldbraunen Zaubersaft geboosteten Tabletten beginnen zu wirken. Doch für Pauls leid- und alkoholgeprüfte Frau wirken sie noch nicht gut genug. Beherzt nimmt sie noch einen weiteren kräftigen Schluck schottischer Ablenkung zu sich.

»Du bist so ein Arsch, jetzt haben wir den Wahnsinn, den Super-GAU! Alles wegen dir, nur weil du deine Minderwertigkeitskomplexe mit so einer Karre in den Griff kriegen wolltest. Scheiß Unfall! Scheiß Leben! Scheiß Paul!«, schreit Linda sich beinahe abartig die Seele aus dem Leib. Ihre Hände zittern wie bei einem epileptischen Anfall. Sie verschüttet mehr Whisky, als sie trinken kann. Lindas ganzer Körper bebt. Es dauert nicht mehr lange und sie explodiert. Das reicht jetzt sogar dem Kater, der trotz Dauerregens das Weite sucht und in den Garten flüchtet. Nach einem elendslangen Weinkrampf bricht Linda schließlich völlig entkräftet zusammen. Immer noch zittert sie am ganzen Körper, friert erbärmlich und kauert wie ein kleines Kind auf der Seite liegend. Alles in ihr trägt ein Kleid aus Schmerz.

Ihr Körper, ihre Seele, ihre Gedanken, ihr Leben – überall ist nur mehr Schmerz zu spüren.

Zu den Schmerzen gesellen sich auch immer öfter unerträglich quälende Fragen – Fragen, die nach Antworten ringen, aber zu denen einfach keine Antworten kommen können. Fragen der üblen und ungefilterten, brutal die Wirklichkeit herausfordernden Sorte:

Was ist, wenn die Versicherung nicht zahlt?

Wie lange wird Paul nicht arbeiten können?

Wird er jemals wieder arbeiten?

Wird er jemals wieder mein Mann sein?

Werden wir das Haus behalten können?

Was soll ich den Kindern erzählen?

Wie soll das jetzt alles weitergehen?

All diese Fragen, auf die Linda keine Antworten finden kann, fliegen wie giftige Pfeile auf sie zu und treffen sie mitten ins Herz. Linda ist streichfähig, einfach fix und fertig, fertig mit sich und der Welt. Das alles ist zu viel, viel zu viel für eine Frau, die ab jetzt völlig alleine kämpfen muss. Erschöpft von den quälenden Fragen, den Schmerzen und dem langen Besuch ihres schottischen Freundes, schläft sie schließlich ein.

 

„Knock, knock, knocking on heavens door“ tönt es aus Lindas Handy und das holt sie abrupt aus dem Komaschlaf zurück ins Leben ­– in das Leben, vor dem sie nur noch flüchten wollte.

»Hallo, wer spricht da?«, fragt sie mit verschlafener Stimme und trockener Kehle.

»Guten Abend, hier spricht Dr. Gutstein vom Landesklinikum St. Pölten. Es geht um Ihren Mann. Bitte kommen sie so rasch wie möglich zu uns in die Klinik. Wir müssen uns dringend mit Ihnen unterhalten!«, antwortet der Oberarzt am anderen Ende der Leitung.      

 

 

 Aus Kapitel 3, die zweite Chance

 

»Hallo, mein Name ist Jussoff. Ich bin Ihr Betreuer für heute Nachmittag«, wird Paul von hinten angesprochen.

Überrascht dreht er sich um, soweit es unter starken Schmerzen und an den Rollstuhl gefesselt möglich ist.

»Ein wunderbarer Tag heute, finden Sie nicht auch? Wollen wir eine Runde im Park drehen?«, fragt der ausländische Pfleger seinen Nachmittagsschützling.

»Sie meinen wohl, Sie schieben mich eine Runde durch den Park«, erwidert Paul grantig dem ihm zugeteilten Pfleger.

»Wo kommen Sie eigentlich her und wie lange leben Sie schon hier?«, versucht sich Paul mit seichtem Smalltalk abzulenken und willigt der Spazierfahrt ein.

»Ach, es kommt mir so vor, als würde ich schon mehr als zweitausend Jahre lange hier leben. Geboren aber bin ich in ein einer kleinen Stadt im Nahen Osten«, antwortet der freundliche Pfleger mit den langen schwarzen Haaren, die er im modernen Männer-Dutt trägt, in ziemlich gutem Deutsch.

»Naher Osten – na super, wieder ein Flüchtling! Lasst mich doch einfach alle in Ruhe«, denkt Paul, genervt von den immerwährenden Flüchtlingsstorys in den Medien, genervt von den „wir schaffen das“-was-doch-nicht-zu-schaffen-ist-Storys.

Auf einmal muss Paul an den Typen mit der Zahl Sieben denken. Er kann noch immer nicht zuordnen, ob er geträumt hat, oder woher sonst diese Erinnerung kommt. Und wer ist der Typ im Traum bloß gewesen? Vielleicht Jesus?

»Die sehen sich irgendwie ähnlich, der Pfleger und der Guru aus dem Traum. Seltsam!«, versucht sich Paul krampfhaft zu erinnern und Ordnung in seine Gedanken zu bringen.

»Wissen Sie, Paul, ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Sie sich wünschen, wieder gesund zu werden. Sie wünschen sich schlicht und einfach Ihr altes Leben wieder zurück«, sagt der Rollstuhlschieber leicht oberlehrerhaft zu seinem Patienten.

»Na was glaubst du denn? Glaubst du, es ist toll, so zu leben und sich von einem Mufti durch den Park schieben zu lassen?«, antwortet Paul harsch und genervt.

»Ja sicher, das verstehe ich. Wirklich, ich verstehe es, Paul. Aber so wird es nicht laufen! Du wirst dein altes Leben nicht wiederbekommen. Das ist ein für alle Mal vorbei, Geschichte. Aber versuch es doch einmal, nur ein wenig positiv zu sehen. Du könntest auch tot sein und damit meine ich: richtig tot. Aber du bist am Leben. Du lebst, bist hier und du bekommst eine zweite Chance! Vielleicht liegt noch eine ganz tolle und lange Reise vor dir. Vielleicht wird es sogar die Reise deines Lebens, die Reise zu dir selbst. Vielleicht gehen deine Wünsche ja doch noch eines Tages in Erfüllung. Du kennst doch deine Wünsche, oder?«, fragt der Pfleger mit einfühlsamer Stimme.