Leseprobe aus Sehnsuchtswege - ein Leben und sieben Wünsche

 

Kapitel 2, die Begegnung: Seite 22-25

 

Von Osten her schiebt sich langsam die Morgensonne über die verschlafene Wiener Vorstadt, bis zu den sanften Hügeln des Lainzer Tiergartens hinauf. Schon ganz früh am Morgen, fast noch nachts, erreichen die ersten Sonnenstrahlen die frisch geputzte Terrasse der Villa. Das morgendliche Sonnenspiel verleiht den glatt polierten Granitfliesen ein ganz besonderes Funkeln und Glänzen – gerade so, als hätten Feen Diamantenstaub auf die Terrasse fallen lassen. Ein Vogelchor stimmt sich ein und gibt das erste Konzert des Tages zum Besten. Farbenfrohe Blumen auf der Terrasse öffnen ihre Blüten und entlassen angenehme Düfte in den Tag. Der Frühstückstisch ist wie immer reichlich gedeckt. An diesem außergewöhnlichen Frühlingsmorgen jedoch hat Linda den  Tisch auf der Terrasse und nicht wie sonst üblich jenen in der schicken weißen Designerwohnküche gedeckt. Der Winter hat endlich aufgegeben und die Temperaturen steigen jeden Tag ein paar Grad höher. Nun steht dem Terrassenglück nichts mehr im Weg. Frischgepresster Orangensaft, dazu Kaffee vom Edelröster, extra weich gekochte Eier, feiner Beinschinken und französischer Käse stehen bereit. Natürlich darf auch die selbstgemachte, herrlich fruchtige Marillenmarmelade von Lindas Mutter nicht fehlen. Ein paar rote Äpfel und grüne Kiwis teilen sich mit vier großen, reifen Tomaten und exakt geschnittenen Gurkenstücken einen Teller. Zudem gibt’s ofenfrisches Vollkorngebäck vom Biobäcker, der seit Kurzem auch online bestellte Köstlichkeiten nach Hause liefert. Alles zusammen, der perfekte Frühstückstisch für den Start in einen perfekten Tag. Das findet auch Familienkater Carlo.

Der schwarze Vierbeiner mit einem markanten weißen Fleck am Hals hat bereits die gewohnte Warteposition unter dem Esstisch eingenommen. Geduldig wie immer wartet der Mäusehausmeister, ob er etwas abbekommen wird. Das Warten lohnt sich meistens für ihn, denn Paul und er verstehen sich einfach zu gut. Aufmerksamkeitsstark streicht Carlo um Pauls Beine und bettelt sein Herrchen schnurrend an. Paul lässt versehentlich ein Stück Schinken unter den Tisch fallen – natürlich so, dass Linda es nicht sieht.

»Ich kaufe den teuren Schinken für uns beide und die Kinder und nicht für die Katze!«, erklärt Linda mit schroffer Stimme immer dann, wenn sie ihren Mann auf frischer Tat ertappt. Denn Fütterungen dieser Art mag sie überhaupt nicht.

Paul nimmt einen genussvollen Schluck von dem mit exakter Stärke zubereiteten Espresso und lässt dabei den Blick über die Terrasse hinunter zum Pool und weiter über die Skyline der Stadt gleiten. Langsam, aber sicher, erwacht Wien aus seinem gemächlichen Schlafzustand. Unüberhörbar findet die Metropole zu ihrem lärmenden Tagesrhythmus. Autos, Flugzeuge und Bewohner werden lauter. Allmählich verlieren sich die lieblichen Töne von Amseln und Meisen im Lärm der Großstadt.

Paul wischt sich den Mund mit einer weißen Stoffserviette ab, steht auf und geht zu Linda, die vis-à-vis von ihm sitzt und gerade die ersten Mails des Tages auf ihrem Tablet-Computer checkt. Schließlich beginnt auch der Tag einer „Head of Sales“-Managerin mit geballter morgendlicher Informationsflut. Paul steht hinter seiner Frau und beugt sich langsam zu ihr hinunter. Er schiebt Lindas lange blonde Haare zärtlich über ihre Schulter beiseite und spricht leise in ihr linkes Ohr, während er für einen kurzen Moment leicht und lustvoll an ihrem Ohrläppchen knabbert.

»Ciao, mein Liebling, bis heute Abend. Ich liebe dich!« Einem schweren Abschied gleich, streicht er mit dem Handrücken über Lindas rechte Wange.

Diese genießt den Augenblick und öffnet die Augen nur ungern wieder. Liebevoll lächelt sie und erwidert die ungewohnte morgendliche Zärtlichkeit ihres Mannes mit einem völlig überraschenden, aber umso innigeren Kuss.

»Die Kinder schlafen noch, aber ich bin schon putzmunter!«, flüstert sie Paul lüstern ins Ohr.

»Soll ich dir zeigen, wie munter ich schon bin?«, fährt sie mit auffordernder Stimme fort.

Linda unterstreicht ihre Absichten nach einem morgendlichen Quickie durch einen festen und bestimmten Griff an Pauls knackigen Hintern.

»Komm jetzt, nimm mich einfach!«, lässt sie keinen Zweifel an ihren Wünschen.

Während Paul die unerwartete erotische Morgenstimmung mit seiner Frau in vollen Zügen genießt, wird der eheliche Flirt durch lautes Knallen und Scheppern, das von der Straße herauf lärmt, unterbrochen. Die nicht gerade geräuschoptimiert agierende Müllabfuhr hat mit dem Tagwerk begonnen. Erbarmungslos legen die orangen Könige der Entsorgung los. Man könnte meinen, der Lärm sei ihre Rache dafür, dass sie nicht so feudal wohnen und frühstücken können wie die Oberschicht, sondern schon seit mindestens zwei Stunden den Dreck der anderen einsammeln und abtransportieren müssen. Der Lärm bringt Paul schlagartig zurück in den bevorstehenden Tag, der einmal mehr richtungsweisend werden soll und ihn die halbe Nacht nicht schlafen gelassen hat. Er muss nun los, ob er will oder nicht – die Pflicht ruft. Noch ein kurzer Check der Mails am Smartphone und ein allerletzter Schluck vom optimal gerösteten Kaffee. Zum Abschied stellt sich Paul erneut hinter seine Frau und massiert zärtlich ihre Schultern.

Linda genießt die Massage und lehnt sich zurück an Pauls Lenden. Augenblicklich machen sich erotische Gedanken in Pauls Gehirnwindungen breit. Schnell wandern die eben noch vorhandenen Pflichtgedanken ins Abseits. Kräftige Hände gleiten sanft von Lindas Schultern nach vorne und wandern langsam abwärts, bis sie schließlich ihre Brüste erreichen. Pauls erfahrene Hände massieren zärtlich und fest drückend Lindas Wahrzeichen der Weiblichkeit, so wie sie es mag. Mit geschlossenen Augen beginnt sie leise zu stöhnen.

»Geht es der Mama nicht gut, Papa?«, fragt der kleine Pauli, der wie aus dem Nichts kommend auf einmal neben den beiden steht.

Blitzschnell zieht Paul seine Hände aus Lindas Bluse und antwortet seinem Sohn schlagfertig:

»Doch, Pauli, alles in Ordnung, wir üben nur gerade für den Erste-Hilfe-Kurs!«

Noch bevor sich die morgendliche erotische Stimmung entfalten konnte, ist sie auch schon wieder dahin.

Und das ist gut so, denn Paul ist ohnehin schon spät dran. Er gibt sich einen Ruck und Linda einen dicken Kuss auf die Stirn.

»Die Kinder werden auch heute Abend wieder schlafen und ich komme sicher nicht spät nach Hause, Darling«, lässt Paul sein abendliches Vorhaben durchblicken und grinst dabei wie ein Schulbub, der zum ersten Mal der Lehrerin tief in den Ausschnitt geschaut hat.

 

Das automatische Garagentor öffnet sich langsam. Der weiße Porsche rollt würdig, begleitet vom satten Blubbern des Motors, aus der Garage und biegt in die Querstraße ein. Souverän gleitet der Hunderttausend-Euro-Schlitten Richtung stadtauswärts. Paul schüttelt den Kopf – Linda hat es doch tatsächlich wieder einmal geschafft, ihn in Verlegenheit zu bringen.

  

 

Kapitel 2, die Begegnung: Seite 30-33

 

Der weiße Porsche rast über einen steilen, mit Sträuchern und kleinen Bäumen zugewachsenen Abhang hinunter. Ein wahrhaftiger Höllenritt mit ungewissem Ausgang nimmt seinen Lauf. Der Abhang will und will nicht enden. Äste trommeln mit unheimlich lauten Schlägen auf den Wagen ein. In Pauls Ohren klingt das wie afrikanische Todestrommeln. Er ist unfähig, einen Blick nach links oder rechts zu wagen. Er starrt nur geradeaus und wartet, was auf ihn zukommt. Paul hat sich seinem Schicksal ergeben. Paul hat aufgegeben. Jetzt ist er nur noch Passagier. Er ist nicht mehr Herr der Dinge, nicht mehr der Kontrolleur der Situation. Er ist nicht mehr der Meister seines Lebens. Er ist out of Control. Es kracht fürchterlich laut und Paul wird wild und brutal durchgebeutelt. Mehrmals schlägt sein Kopf heftig gegen das Seitenfenster. Aus der Platzwunde auf seiner Stirn spritzt Blut. Jetzt ist er mittendrin im ultimativen Albtraum jedes Autofahrers. Gefangen in seinem einstigen Traum in Weiß sitzt er einfach nur da – unfähig, zu reagieren, unfähig, auch nur einen einzigen Gedanken an die Kontrollmöglichkeit der Situation zu verschwenden, wissend, dass dies die Krönung der Sinnlosigkeit wäre. Obwohl sein Highway to Hell erst ein paar Sekunden lange dauert, kommt es Paul wie ein elendslanger Trip vor. Plötzlich heult der Motor erbarmungslos laut auf und der Wagen schießt aus dem Dickicht der auf ihn einschlagenden Sträucher heraus und hebt ab. Er fliegt leicht zur Seite geneigt und die Schnauze zu Boden gedrückt durch die Luft – so als schäme er sich dessen, was gerade passiert. Ein Flug mit ungewissem Ausgang hat begonnen. Weiterhin unfähig, auch nur irgendetwas zu unternehmen oder einzugreifen, nimmt Paul die Situation wie eine neue Szene in einem Film wahr.

»Welche Rolle im Film wird meine sein?«, mischt sich ein weiterer Gedanke in das Crash-Chaos.

Der Flug ins Ungewisse wird von einem lauten Knall und einer riesigen Wasserfontäne abrupt gestoppt. Mit einem frontalen Aufschlag aufs Wasser wird der malträtierte Porsche äußerst brutal zur Landung gezwungen. Die Wucht des Aufpralls reißt Paul mit voller Kraft in die Gurte. Der Airbag explodiert und nimmt ihm schlagartig jegliche Luft zum Atmen. Sein Kopf wird brennheiß, steht kurz vor dem Platzen. Der Wagen schlägt auf einem stillgelegten Schotterteich auf und beginnt sofort zu sinken. Paul bleibt wie gelähmt im Auto sitzen. Mit beharrlicher Realitätsverweigerung versucht er, die Situation in den Griff zu bekommen.

 »Vielleicht träume ich das alles ja nur. Vielleicht geht es mich gar nichts an und ich wache gleich wieder auf!«, denkt er unter Schock und halb benommen vor sich hin.

Dann wird es um ihn herum schwarz. Alles wird finster und schwarz. Paul wird kalt, er wird müde, unsagbar müde, um ihn herum wird es immer dunkler und nässer. Durch die Wagentüren dringt unaufhörlich mehr und mehr Wasser in den einst so strahlend schönen Wagen. Der phallusgleiche Schalthebel versinkt langsam im schmutzigen schwarzbraunen Wasser des Baggersees. Paul steht das Wasser bis zum Hals und um ihn herum wird es kalt und immer kälter. Er friert fürchterlich, an diesem schönen, warmen Frühlingstag. Langsam und in der Unfähigkeit, etwas zu tun gefangen, gleitet er ruhig und unaufhörlich in die Tiefe. Das laute Zischen und das brodelnde Wasser um ihn herum nimmt er kaum noch wahr. Es wird unumkehrbar finster und ruhig. Bedrohliche, schaurige Stille macht sich unaufhaltsam breit. Schwärzestes Schwarz ist alles, was er jetzt noch wahrnehmen und fühlen kann. Licht aus. Game over!

 

Aus dem Nichts taucht ein Licht auf und kommt langsam auf Paul zu. Das Licht wird ganz langsam größer und immer größer. Es kommt näher und näher auf ihn zu. Heller, immer heller wird dieses angenehme, warme Licht. Es ist kein blendendes, beißendes Licht, sondern ein wärmendes und irgendwie vertrautes Licht. Es nimmt Paul alle Müdigkeit. Je näher das Licht kommt, desto wacher, ja geradezu aufgeweckt wird er. Wie nach einem langen Winterschlaf erwacht das Leben wieder in seinen Adern.

»Träum ich oder spinn ich? Was war das? Was ist hier bloß los? Was soll das alles? Wo bin ich? Was zum Henker ist geschehen?« Tausende Fragen dieser Art prasseln ununterbrochen auf Paul ein.

Das dunkle Schwarz um ihn ist verschwunden. Das Licht hat alles voll und ganz erfasst. Alles ist warm und lichtdurchflutet.

Paul sieht sich um. Um ihn herum ist nur noch angenehmes, reines Licht, nichts als dieses weiße, anziehende Licht. Ruhe und Frieden breiten sich sanft aus. Stille und Harmonie durchdringen alles. Leichter Nebel bedeckt den Boden, auf dem er noch etwas unsicher seine ersten Schritte unternimmt. In der Ferne kann Paul, durch den Nebel hindurch, verschwommen so etwas wie weiße, schneebedeckte Berge erkennen. Es riecht angenehm, fruchtig und zart, aber nicht zu intensiv.

»Eine gekonnte Mischung aus Opium und Rosen«, findet Paul, froh darüber, endlich wieder denken zu können.

Kaum hat der letzte Gedanke sein Gehirn passiert, spürt er eine Hand auf der linken Schulter. Paul erschrickt fürchterlich und dreht sich reflexartig um. Der ausgebildete Karatekämpfer geht sofort in Abwehrstellung. Mit gekreuzten und schlagbereiten Händen steht er da.

»Fürchte dich nicht!«, spricht eine freundliche Stimme aus dem Nebel kommend.

 

 

Kapitel 3, die zweite Chance: Seite 41-43

 

Für Paul beginnt der dritte Tag auf der Intensivstation, dem Vorzimmer des Todes, wie die Spezialabteilung von den Göttern in Weiß auch gerne genannt wird, wie immer – schmerzhaft. Das kleine, trostlose Zimmer scheint extra für Schmerzen gemacht zu sein. Unzählige lebenserhaltende Maschinen und Apparate, der medizinischen Weisheit letzter Schluss, reihen sich eng aneinander. Sie teilen sich den engen Platz des Krankenzimmers mit zwei schlichten, von Apparaturen umringten, Intensivbetten. Fahles, dämmriges Kunstlicht beleuchtet diesen kalten, seelenlosen Raum. Darin liegen zwei dem Tod geweihte, aber von Gevatter noch nicht abgeholte, Seelen in ihren geschundenen Körpern und erwarten, was das Schicksal noch alles für sie bereithält. Paul in dem einen Bett, im anderen ein junger Mann, der südländisch und ziemlich mitgenommen aussieht. Seinen Zimmerkollegen hat es offensichtlich noch schlimmer erwischt als ihn – Paul hat ein Gespräch der behandelnden Ärzte mitgehört: Sie werden ihm beide Beine amputieren müssen.

»Der arme Kerl ist sicher noch keine dreißig Jahre alt und schon bald ohne Beine. Für immer im Rollstuhl. Das würd’ ich nicht packen, da räum ich mich lieber gleich weg, als so zu leben«, sinniert Paul in abgeklärter Rationalität, die ihn immer dann überkommt, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht und emotional nicht mehr weiter weiß.

Plötzlich werden Pauls trübe Gedanken wieder von brutalen Schmerzen unterbrochen. Eine erneute Horrorschmerzattacke, wie er sie selbst seinen schlimmsten Feinden nicht wünschen möchte, überrollt ihn heute zum gefühlten hundertsten Mal.

Es fühlt sich an, als würde man ihn bei lebendigem Leibe häuten, so, als würde jemand mit voller Wucht ein Messer in den Rücken rammen und dann in der offenen Wunde tiefer und tiefer bohren, um zu guter Letzt noch ordentlich darin umzurühren. Ein unbändiger Schmerz, von aller Schonung, Menschlichkeit und Rücksicht entfesselt, macht sich breit, so, als würde man Paul ganz langsam und in ganz kleinen Dosen  das Rückenmark absaugen. Purer Horrorschmerz! Als würde man aus allen Zellen langsam und qualvoll auch noch die letzten Körpersäfte herauspressen.

»Verdammt noch mal, dass tut wieder höllisch weh!«, stößt es schmerzhaft aus ihm heraus, dennoch versucht er stark zu bleiben, oder zumindest der eben herbeigeeilten Intensivkrankenschwester gegenüber stark zu wirken.

Sein Gesicht verkrampft sich zu einem Felsen, der dem Schmerz trotzen möchte. Seine Fäuste sind geballt und dazu bereit, den Schmerzen voll ein paar in die Fresse zu hauen, wenn sie nur könnten. Paul ist kein Luschi, er ist kein Weichei. Er hält schon was aus. Schmerzen waren für ihn immer nur so etwas wie vorübergehende Benchmarks des eigenen Körpers, die es zu toppen galt. Aber dieses Mal ist alles anders. Solche Schmerzen kannte er bislang nicht. Diese Schmerzen haben eine neue, bisher unbekannte Qualität – eine neue Dimension der qualvollen Folter, der scheibchenweisen Selbstaufgabe.

Für die Intensivkrankenschwester Petra, die sich sehr um das Wohl aller Patienten, besonders aber um das der Neuankömmlinge kümmert, hingegen ist es Alltag. Sie kennt die Schmerzen der Intensivpatienten nur zu gut. Vieles hat sie erlebt und vieles hat sie mitansehen müssen in ihren zwanzig Dienstjahren. Gegen die Intensivstation ist alles, was sie zuvor erlebt hat, nur ein Klacks.

Immer wieder musste die taffe Schwester unsagbar viel Leid aus nächster Nähe miterleben. Den Tod und seine oft üblen Tricks, um die Leute abzuholen, kennt sie nur allzu gut. Die sympathisch, lockere Mittvierzigerin mit der frechen blonden Kurzhaarfrisur kennt ihre Patienten, so auch Paul, nur im angeschlagenem und meist stark zugerichteten Zustand. Die einen werden ruckzuck vom Knochenmann abgeholt, die anderen so schnell wie möglich wieder auf eine andere Station verlegt. Denn Petras Betten sind begehrt. Ihre Station erfreut sich der höchsten Nachfrage im ganzen Klinikum.

Pauls Gesicht ist kaum noch zu erkennen. Ein dichter Kopfverband und ein von Blutklumpen überzogenes und entstelltes Gesicht erlauben es nicht, seine durchaus vorhandene Ähnlichkeit mit Tom Cruise zu erkennen. Auch der Spitalspyjama, den sie ihm verpasst haben, lässt nichts von einem sportlichen Body darunter erahnen.

»Wenn der je wieder auf die Beine kommt, sieht er möglicherweise ganz nett aus. Könnte ein schnuckeliges Kerlchen sein, aber er ist sicher ein Werbeschnösel«, denkt Petra im Stillen vor sich hin, während sie die Krankenakte des Neuzugangs studiert.

Paul hingegen beschäftigen ganz andere Gedanken. Er fühlt sich ausgeliefert, eingesperrt und hilflos – gefangen zwischen all dem Leid und all den Geräten, die versuchen, dem Schicksal mit Hilfe der Technik ein Schnippchen zu schlagen. Als ob das irgendeine Aussicht auf Erfolg hätte! Er fühlt sich gefangen zwischen einem jungen Bettnachbarn, dessen Namen er nicht einmal kennt, und seiner eigenen Ungewissheit, gefangen in St. Pölten, der Stadt, die er immer als eine der trostlosesten und seelenlosesten überhaupt bezeichnet hat. Aber das war früher. Hier würde er nicht einmal sterben wollen, hat er immer gedacht.

»Hoffentlich kommt es jetzt nicht so«, richtet er den Blick zum Himmel.

 

 

Kapitel 3, die zweite Chance: Seite 46-48

 

Mit voller Wucht peitscht der Regen auf die großen Glasflächen des Wohnzimmers. Dicke, schwere Tropfen rinnen unaufhörlich zu Boden. Es scheint, als würde der Himmel gerade zornig weinen. Seit gut drei Stunden sitzt Linda nun schon beinahe regungslos auf der großen weißen Ledercouch. In einem fort starrt sie mit leerem Blick in den vom Regen durchtränkten Garten.

Seit Pauls Unfall ist nichts mehr so, wie es einmal war. Alles ist nur noch Grau in Grau. Linda ist allein mit sich und ihren schweren Gedanken. Sie fühlt sich einsam, hilflos und zum ersten Mal im Leben vollkommen verlassen. Ein Gefühl von schmerzender Hilflosigkeit im Duett mit schwärzester Hoffnungslosigkeit überfällt sie neuerdings immer öfter ohne Vorwarnung – wie ein Terrorkommando aus dem Hinterhalt. Plötzlich wieder: Ein neuer Angriff auf ihre Seele beginnt. Mit zitternden Händen greift sie zu der Schachtel auf dem Glastisch vor ihr. Ein beherzter Griff zu den Tabletten und ein großer Schluck Whisky dazu.

»Was soll’s, Prost, altes Haus!«, leistet sich Linda wieder einmal selbst Gesellschaft, denn sonst ist ja keiner da.

Die Kinder hat sie übers Wochenende zu den Großeltern gebracht, damit sie sich endlich wieder ein wenig erholen kann und nicht auch noch ständig die bohrenden Fragen der Kleinen nach dem Papa beantworten muss – Fragen, die sie ohnehin nicht beantworten kann. Ganz allein ist Linda aber dennoch nicht. Sie hat jetzt immer öfter einen guten alten Freund zu Gast – einen Freund, den sie aus früheren Zeiten recht gut kennt, den sie aber eigentlich gar nicht mehr treffen wollte, ihren guten alten Freund, mit dem sie schon so vieles erlebt hat, ihren alten Freund aus Schottland: Mister Jonny Walker.

»Warum musstest du dir verdammt noch mal dieses unnötige Auto kaufen?«, fragt Linda schreiend und mit leicht anschlagender Zunge das Bild von Paul auf dem Sideboard neben ihr.

»Wie geht’s jetzt weiter? Wie zahlen wir das Haus, die Schulden, wie zahlen wir das jetzt alles, ha? Wie machen wir das jetzt, Paul? Mister Supergscheit, gib mir gefälligst eine Antwort!«, schreit sie völlig überdreht – so laut, dass sich ihre Stimme immer wieder überschlägt – vorwurfsvoll das Foto ihres Mannes an.

Schwere Tränen laufen über Lindas Wangen und der Whisky in ihre Kehle. Die mit dem goldbraunen Zaubersaft geboosteten Tabletten beginnen zu wirken. Doch für Pauls leid- und alkoholgeprüfte Frau wirken sie noch nicht gut genug. Beherzt nimmt sie noch einen weiteren kräftigen Schluck schottischer Ablenkung zu sich.

»Du bist so ein Arsch, jetzt haben wir den Wahnsinn, den Super-GAU! Alles wegen dir, nur weil du deine Minderwertigkeitskomplexe mit so einer Karre in den Griff kriegen wolltest. Scheiß Unfall! Scheiß Leben! Scheiß Paul!«, schreit Linda sich beinahe abartig die Seele aus dem Leib.

Ihre Hände zittern wie bei einem epileptischen Anfall. Sie verschüttet mehr Whisky, als sie trinken kann. Lindas ganzer Körper bebt. Es dauert nicht mehr lange und sie explodiert. Das reicht jetzt sogar dem Kater, der trotz Dauerregens das Weite sucht und in den Garten flüchtet. Nach einem elendslangen Weinkrampf bricht Linda schließlich völlig entkräftet zusammen. Immer noch zittert sie am ganzen Körper, friert erbärmlich und kauert wie ein kleines Kind auf der Seite liegend. Alles in ihr trägt ein Kleid aus Schmerz.

 Ihr Körper, ihre Seele, ihre Gedanken, ihr Leben – überall ist nur mehr Schmerz zu spüren.

Zu den Schmerzen gesellen sich auch immer öfter unerträglich quälende Fragen – Fragen, die nach Antworten ringen, aber zu denen einfach keine Antworten kommen können.

Fragen der üblen und ungefilterten, brutal die Wirklichkeit herausfordernden Sorte:

Was ist, wenn die Versicherung nicht zahlt?

Wie lange wird Paul nicht arbeiten können?

Wird er jemals wieder arbeiten?

Wird er jemals wieder mein Mann sein?

Werden wir das Haus behalten können?

Was soll ich den Kindern erzählen?

Wie soll das jetzt alles weitergehen?

All diese Fragen, auf die Linda keine Antworten finden kann, fliegen wie giftige Pfeile auf sie zu und treffen sie mitten ins Herz. Linda ist streichfähig, einfach fix und fertig, fertig mit sich und der Welt. Das alles ist zu viel, viel zu viel für eine Frau, die ab jetzt völlig alleine kämpfen muss. Erschöpft von den quälenden Fragen, den Schmerzen und dem langen Besuch ihres schottischen Freundes, schläft sie schließlich ein.

 

„Knock, knock, knocking on heavens door“ tönt es aus Lindas Handy und das holt sie abrupt aus dem Komaschlaf zurück ins Leben ­– in das Leben, vor dem sie nur noch flüchten wollte.

»Hallo, wer spricht da?«, fragt sie mit verschlafener Stimme und trockener Kehle.

»Guten Abend, hier spricht Dr. Gutstein vom Landesklinikum St. Pölten. Es geht um Ihren Mann. Bitte kommen sie so rasch wie möglich zu uns in die Klinik. Wir müssen uns dringend mit Ihnen unterhalten!«, antwortet der Oberarzt am anderen Ende der Leitung.                                          

 

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