Leseprobe Sehnsuchtswege

 

Aus Kapitel 2, die Begegnung

 

Aus dem Nichts taucht ein Licht auf und kommt langsam auf Paul zu. Das Licht wird ganz langsam größer und immer größer. Es kommt näher und näher auf ihn zu. Heller, immer heller wird dieses angenehme, warme Licht. Es ist kein blendendes, beißendes Licht, sondern ein wärmendes und irgendwie vertrautes Licht. Es nimmt Paul alle Müdigkeit. Je näher das Licht kommt, desto wacher, ja geradezu aufgeweckt wird er. Wie nach einem langen Winterschlaf erwacht das Leben wieder in seinen Adern.

»Träum ich oder spinn ich? Was war das? Was ist hier bloß los? Was soll das alles? Wo bin ich? Was zum Henker ist geschehen?« Tausende Fragen dieser Art prasseln ununterbrochen auf Paul ein. Das dunkle Schwarz um ihn ist verschwunden. Das Licht hat alles voll und ganz erfasst. Alles ist warm und lichtdurchflutet.

Paul sieht sich um. Um ihn herum ist nur noch angenehmes, reines Licht, nichts als dieses weiße, anziehende Licht. Ruhe und Frieden breiten sich sanft aus. Stille und Harmonie durchdringen alles. Leichter Nebel bedeckt den Boden, auf dem er noch etwas unsicher seine ersten Schritte unternimmt. In der Ferne kann Paul, durch den Nebel hindurch, verschwommen so etwas wie weiße, schneebedeckte Berge erkennen. Es riecht angenehm, fruchtig und zart, aber nicht zu intensiv.

»Eine gekonnte Mischung aus Opium und Rosen«, findet Paul, froh darüber, endlich wieder denken zu können.

Kaum hat der letzte Gedanke sein Gehirn passiert, spürt er eine Hand auf der linken Schulter. Paul erschrickt fürchterlich und dreht sich reflexartig um. Der ausgebildete Karatekämpfer geht sofort in Abwehrstellung. Mit gekreuzten und schlagbereiten Händen steht er da.

»Fürchte dich nicht!«, spricht eine freundliche Stimme aus dem Nebel kommend.

Trotz der netten Worte ist Paul wie gelähmt vor Angst. Die in Nebelfetzen gehüllte Gestalt ist nur schwer zu erkennen, das Gesicht nur unscharf in seinen Umrissen wahrzunehmen.

»Wer, wer bist du?«, fragt Paul zögerlich und vorsichtig.

»Es spielt keine Rolle, wer ich bin, sondern wer du glaubst, dass ich bin«, antwortet die freundliche Stimme.

Paul steht regungslos da. Der Mann hinter der Stimme streift den Nebel, der ihn umgibt, aus seinem Gesicht. Paul blickt in ein Gesicht mit dem gütigsten Lächeln, das er je in seinem Leben gesehen hat. Nicht einmal seine Linda kann so lächeln. Erstarrt und unfähig, sich zu bewegen, aber ganz ruhig und innerlich frei, fragt Paul schließlich noch einmal vorsichtig nach.

»Ich kenne dich von irgendwoher, wer bist du?«

»Ich? Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!«, antwortet der Fremde mit einem sanften Lächeln auf den Lippen.

Paul denkt nach. Der Spruch kommt ihm irgendwie bekannt vor.

»Moment mal, das habe ich schon irgendwo gehört«, sagt er aufgeregt zu seinem Gegenüber und fährt fort.

»Ja sicher, das stand irgendwo in einem Buch geschrieben, das ich einmal gelesen habe. Da ging es um Wahrheit, Ehrlichkeit, Heilung und solche Dinge«, dämmert es Paul langsam, aber allmählich doch.

Er hat einige Bücher über Bewusstsein und Heilung gelesen –Linda zuliebe. Sie hatte ihn auch dazu überredet, gemeinsam einige Seminare zu besuchen. Anfangs war er noch sehr skeptisch gewesen, doch schließlich hat er Gefallen daran gefunden. Nicht zuletzt deshalb, weil er einiges davon, was er in diesen Workshops gehört hat, auch ganz gut in der Werbung verwenden konnte. Die Gurus, wie er die Vortragenden gerne nannte, waren auch wirklich top.

Die hatten keine Werbung mehr nötig, die wussten schon sehr gut, wie Marketing funktioniert. Einige der Meister zogen die Menschen geradezu magisch an. Paul gewinnt nun etwas an Klarheit, fasst Mut und geht einen großen Schritt auf den Mann hinter der sanften Stimme zu.

»Aha, genau, jetzt weiß ich es! Du bist einer der Gurus, bei denen ich ein Seminar besucht habe, richtig? Mir fällt nur gerade dein Name nicht ein«, sagt Paul zu dem Fremden.

»Hallo, ich bin Paul!«, streckt er freundlich die Hand zum Gruß entgegen.

Aber Pauls Hand greift ins Leere.

 »Ein Guru? Na das ist ja cool! Ja, so kannst du mich von mir aus auch gerne nennen«, antwortet der Fremde lachend und sichtlich amüsiert.

»Hast du denn wirklich gar keine Ahnung, wer ich sein könnte und wo du hier bist?«, fragt er schließlich Paul.

Das Licht wird zunehmend heller und jetzt kann Paul das Gesicht des Fremden ganz gut erkennen.

 

 

Aus Kapitel 3, die zweite Chance

 

Mit voller Wucht peitscht der Regen auf die großen Glasflächen des Wohnzimmers. Dicke, schwere Tropfen rinnen unaufhörlich zu Boden. Es scheint, als würde der Himmel gerade zornig weinen. Seit gut drei Stunden sitzt Linda nun schon beinahe regungslos auf der großen weißen Ledercouch. In einem fort starrt sie mit leerem Blick in den vom Regen durchtränkten Garten.

Seit Pauls Unfall ist nichts mehr so, wie es einmal war. Alles ist nur noch Grau in Grau. Linda ist allein mit sich und ihren schweren Gedanken. Sie fühlt sich einsam, hilflos und zum ersten Mal im Leben vollkommen verlassen. Ein Gefühl von schmerzender Hilflosigkeit im Duett mit schwärzester Hoffnungslosigkeit überfällt sie neuerdings immer öfter ohne Vorwarnung – wie ein Terrorkommando aus dem Hinterhalt. Plötzlich wieder: Ein neuer Angriff auf ihre Seele beginnt. Mit zitternden Händen greift sie zu der Schachtel auf dem Glastisch vor ihr. Ein beherzter Griff zu den Tabletten und ein großer Schluck Whisky dazu.

»Was soll’s, Prost, altes Haus!«, leistet sich Linda wieder einmal selbst Gesellschaft, denn sonst ist ja keiner da.

Die Kinder hat sie übers Wochenende zu den Großeltern gebracht, damit sie sich endlich wieder ein wenig erholen kann und nicht auch noch ständig die bohrenden Fragen der Kleinen nach dem Papa beantworten muss – Fragen, die sie ohnehin nicht beantworten kann. Ganz allein ist Linda aber dennoch nicht. Sie hat jetzt immer öfter einen guten alten Freund zu Gast – einen Freund, den sie aus früheren Zeiten recht gut kennt, den sie aber eigentlich gar nicht mehr treffen wollte, ihren guten alten Freund, mit dem sie schon so vieles erlebt hat, ihren alten Freund aus Schottland: Mister Jonny Walker.

»Warum musstest du dir verdammt noch mal dieses unnötige Auto kaufen?«, fragt Linda schreiend und mit leicht anschlagender Zunge das Bild von Paul auf dem Sideboard neben ihr.

»Wie geht’s jetzt weiter? Wie zahlen wir das Haus, die Schulden, wie zahlen wir das jetzt alles, ha? Wie machen wir das jetzt, Paul? Mister Supergscheit, gib mir gefälligst eine Antwort!«, schreit sie völlig überdreht – so laut, dass sich ihre Stimme immer wieder überschlägt – vorwurfsvoll das Foto ihres Mannes an.

Schwere Tränen laufen über Lindas Wangen und der Whisky in ihre Kehle. Die mit dem goldbraunen Zaubersaft geboosteten Tabletten beginnen zu wirken. Doch für Pauls leid- und alkoholgeprüfte Frau wirken sie noch nicht gut genug. Beherzt nimmt sie noch einen weiteren kräftigen Schluck schottischer Ablenkung zu sich.

»Du bist so ein Arsch, jetzt haben wir den Wahnsinn, den Super-GAU! Alles wegen dir, nur weil du deine Minderwertigkeitskomplexe mit so einer Karre in den Griff kriegen wolltest. Scheiß Unfall! Scheiß Leben! Scheiß Paul!«, schreit Linda sich beinahe abartig die Seele aus dem Leib. Ihre Hände zittern wie bei einem epileptischen Anfall. Sie verschüttet mehr Whisky, als sie trinken kann. Lindas ganzer Körper bebt. Es dauert nicht mehr lange und sie explodiert. Das reicht jetzt sogar dem Kater, der trotz Dauerregens das Weite sucht und in den Garten flüchtet. Nach einem elendslangen Weinkrampf bricht Linda schließlich völlig entkräftet zusammen. Immer noch zittert sie am ganzen Körper, friert erbärmlich und kauert wie ein kleines Kind auf der Seite liegend. Alles in ihr trägt ein Kleid aus Schmerz. Ihr Körper, ihre Seele, ihre Gedanken, ihr Leben – überall ist nur mehr Schmerz zu spüren. Zu den Schmerzen gesellen sich auch immer öfter unerträglich quälende Fragen – Fragen, die nach Antworten ringen, aber zu denen einfach keine Antworten kommen können. Fragen der üblen und ungefilterten, brutal die Wirklichkeit herausfordernden Sorte:

Was ist, wenn die Versicherung nicht zahlt?

Wie lange wird Paul nicht arbeiten können?

Wird er jemals wieder arbeiten?

Wird er jemals wieder mein Mann sein?

Werden wir das Haus behalten können?

Was soll ich den Kindern erzählen?

Wie soll das jetzt alles weitergehen?

All diese Fragen, auf die Linda keine Antworten finden kann, fliegen wie giftige Pfeile auf sie zu und treffen sie mitten ins Herz. Linda ist streichfähig, einfach fix und fertig, fertig mit sich und der Welt. Das alles ist zu viel, viel zu viel für eine Frau, die ab jetzt völlig alleine kämpfen muss. Erschöpft von den quälenden Fragen, den Schmerzen und dem langen Besuch ihres schottischen Freundes, schläft sie schließlich ein.

 „Knock, knock, knocking on heavens door“ tönt es aus Lindas Handy und das holt sie abrupt aus dem Komaschlaf zurück ins Leben ­– in das Leben, vor dem sie nur noch flüchten wollte.

»Hallo, wer spricht da?«, fragt sie mit verschlafener Stimme und trockener Kehle.

»Guten Abend, hier spricht Dr. Gutstein vom Landesklinikum St. Pölten. Es geht um Ihren Mann. Bitte kommen sie so rasch wie möglich zu uns in die Klinik. Wir müssen uns dringend mit Ihnen unterhalten!«, antwortet der Oberarzt am anderen Ende der Leitung.      

 

 

Aus Kapitel 3, die zweite Chance

 

Paul ist fertig mit sich und der Welt – so fertig, dass er sich auch beim besten Willen nicht vorstellen kann, so ein Leben zu leben. Erkann einfach nicht begreifen, was ihm, dem einstigen Glücksritter, zugestoßen ist, dass er auf einmal nicht mehr Herr der Lage ist, dass er nicht mehr der Kontrolleur seines Lebens ist und ihm das Leben einfach die Zügel aus der Hand gerissen hat. Er kann sich nicht vorstellen, sein Leben je wieder unter Kontrolle zu bringen.

»Den alten Paul wird es so nie wieder geben!«, zieht er nüchtern Bilanz und freundet sich allmählich mit dem Gedanken an, sich seinem Schicksal bedingungslos zu ergeben.

Auch wenn er sein Leben überhaupt nicht fassen kann, ganz tief in ihm spürt er Dankbarkeit – dafür, dass er überhaupt noch am Leben ist. Ganz tief in ihm erkennt Paul, dass das Leben letztlich ein Geschenk ist. Ein Geschenk, das man wissentlich nur einmal bekommt. Seit dem Crash sind seine Werte schlagartig andere geworden. Was früher zählte, ist jetzt gänzlich egal. Er wünscht sich ganz einfach nur, je wieder gehen zu können, einfach normal spazieren gehen zu können, wie Millionen andere Menschen auch.

 

»Hallo, mein Name ist Jussoff. Ich bin Ihr Betreuer für heute Nachmittag«, wird Paul von hinten angesprochen.

Überrascht dreht er sich um, soweit es unter starken Schmerzen und an den Rollstuhl gefesselt möglich ist.

»Ein wunderbarer Tag heute, finden Sie nicht auch? Wollen wir eine Runde im Park drehen?«, fragt der ausländische Pfleger seinen Nachmittagsschützling.

»Sie meinen wohl, Sie schieben mich eine Runde durch den Park«, erwidert Paul grantig dem ihm zugeteilten Pfleger.

»Wo kommen Sie eigentlich her und wie lange leben Sie schon hier?«, versucht sich Paul mit seichtem Smalltalk abzulenken und willigt der Spazierfahrt ein.

»Ach, es kommt mir so vor, als würde ich schon mehr als zweitausend Jahre lange hier leben. Geboren aber bin ich in ein einer kleinen Stadt im Nahen Osten«, antwortet der freundliche Pfleger mit den langen schwarzen Haaren, die er im modernen Männer-Dutt trägt, in ziemlich gutem Deutsch.

»Naher Osten – na super, wieder ein Flüchtling! Lasst mich doch einfach alle in Ruhe«, denkt Paul, genervt von den immerwährenden Flüchtlingsstorys in den Medien.

Auf einmal muss Paul an den Typen mit der Zahl Sieben denken. Er kann noch immer nicht zuordnen, ob er geträumt hat, oder woher sonst diese Erinnerung kommt. Und wer ist der Typ im Traum bloß gewesen? Vielleicht Jesus?

»Die sehen sich irgendwie ähnlich, der Pfleger und der Guru aus dem Traum. Seltsam!«, versucht sich Paul krampfhaft zu erinnern und Ordnung in seine Gedanken zu bringen.

»Wissen Sie, Paul, ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Sie sich wünschen, wieder gesund zu werden. Sie wünschen sich schlicht und einfach Ihr altes Leben wieder zurück«, sagt der Rollstuhlschieber leicht oberlehrerhaft zu seinem Patienten.

»Na was glaubst du denn? Glaubst du, es ist toll, so zu leben und sich von einem Mufti durch den Park schieben zu lassen?«, antwortet Paul harsch und genervt.

»Ja sicher, das verstehe ich. Wirklich, ich verstehe es, Paul. Aber so wird es nicht laufen! Du wirst dein altes Leben nicht wiederbekommen. Das ist ein für alle Mal vorbei, Geschichte. Aber versuch es doch einmal, nur ein wenig positiv zu sehen. Du könntest auch tot sein und damit meine ich: richtig tot. Aber du bist am Leben. Du lebst, bist hier und du bekommst eine zweite Chance! Vielleicht liegt noch eine ganz tolle und lange Reise vor dir. Vielleicht wird es sogar die Reise deines Lebens, die Reise zu dir selbst. Vielleicht gehen deine Wünsche ja doch noch eines Tages in Erfüllung. Du kennst doch deine Wünsche, oder?«, fragt der Pfleger mit einfühlsamer Stimme.

 

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