Leseprobe Das #Zukunftsspiel

Aus Kapitel 1,

Veronikas Welt

 

„Du musst nicht alles glauben, was sie möchten, das du glauben sollst“, meint Veronika und wischt mit einer routinierten Bewegung über ihr Smartphone. Ein kurzer Befehl ihres Daumens genügt, um die App endgültig in den Schlafmodus zu versetzen. Nur ein kleiner Fingerstrich reicht und Veronikas Verstand kann sich endlich wieder anderen Dingen widmen und die Synapsen mit frischen und neuen Gedanken füttern. Ganz altmodisch, ganz ohne digitalen Beigeschmack. Denn digital wurde ihr Gehirn schon lange genug gefüttert, in letzter Zeit, so meint Veronika, allzu oft auch überfüttert. Veronika ist keine Digitalverweigerin, war aber auch nie ein Digitaljunkie. Nein, Veronika ist eine ganz normale Nutzerin der World Wide Wahnsinnsmöglichkeiten. So ein Typ User, wie ihn die Digitalfirmen lieben.

Den sie aus gutem Grund lieben. Denn Durchschnittsnutzer sind die idealen Kunden für die neuen Herrscher des Wissens. Sind sie doch anwendungsoffen, ideenkompatibel und neugierig. Aber vor allem sind sie eines: im Sinne des digitalen Fortschritts ziemlich gut steuerbar.

Veronika nutzte das Internet und ihr Smartphone stets so selbstverständlich und vertraut, wie sie sich die Zähne putzte und regelmäßig bleichte. So selbstverständlich, wie sie die für sie persönlich zusammengemixten Diätshakes trank und sich so gut wie nie Gedanken darüber machte, welche Folgewirkungen die schönheitsoptimierenden Mittelchen eines Tages haben könnten. Keine Frage, Veronika, die von ihren Freunden liebevoll nur Vroni genannt wird, weiß die digitalen Vorteile zu schätzen und zu nutzen. Denn schließlich ist das Leben schon hart genug und der Tag randvoll mit allen möglichen wichtigen und sofort zu erledigenden Dingen. Randvoll mit geballter Informationsflut. Da tut es einfach gut, sich ein wenig Ruhe und Entspannung über eine Meditations-App zu holen. Da ist es eben recht fein, den von einem cleveren System vorerstellten Einkaufszettel nur mehr bezahlen zu müssen, die Bonuspunkte zu kassieren und zu wissen, der tägliche Einkauf wird geradeswegs bis zur Wohnungstür geliefert. Veronika: eine ganz normale Frau in einer ganz normalen digitalen Welt. Eine, wie Millionen anderer Frauen.

Jedoch mit einem kleinen, aber feinen Unterschied. Veronika spielte. Sie spielte das Zukunftsspiel so lange und intensiv, bis es passierte ...

 

 

Aus Kapitel 2,

Warum eigentlich nicht?

 

„Zu dumm nur, dass hier drinnen alle Schimmel gleich schwarz aussehen“, denkt Veronika, während ihr Blick, einem Radar gleich, den Club immer und immer wieder nach in Frage kommenden Kandidaten absucht.

Hören kann sie das „Ping“ ihres Handys wegen der lauten Musik von Altmeister David Guetta, die in diesen Club so perfekt wie Hansi Hinterseer in die Berge Tirols passt, nicht. Jedoch den auf Maximalstärke eingestellten Vibrationsalarm nimmt Veronika angenehm wahr. Neugierig wie immer blickt sie auf das Display. Jedes Signal des Handys nimmt sie sofort und unvermittelt auf. Der Reflex der Neugier wirkt und er wirkte immer schon. War er doch in allen Stufen der Evolution ein ständiger und verlässlicher Begleiter der menschlichen Entwicklung. 

„Matt 39 gibt einen Lokalisierungsstatus bekannt“, kommt eine Messaging Nachricht der Lovelife-App direkt auf Veronikas Handyscreen. Der Locstatus ist die neueste Errungenschaft der Dating App. Ohne zu zögern, ihrem Neugierreflex folgend, fordert Veronika den exakten Aufenthaltsort von Matt 39 an. Jedoch bevor ihr die App diesen erfährt, erklärt ihr eine smarte Werbung von Südsee Rum, dass es nun Zeit für einen coolen Drink sei. Als sie weiterklicken möchte, wird ihr netterweise ein Coupon für einen Freidrink angezeigt. Wo? Natürlich im Kollosso Club. Veronika ist leicht genervt, will sie doch gerade nur wissen, wo dieser Matt 39 steckt und sich nicht mit weißem Rum volllaufen lassen. Obwohl, ihren Geschmack würde der Drink schon treffen. Und Matt 39? Der hoffentlich auch.

Eine weitere eingespielte Werbung bringt ihre Stimmung jedoch beinahe ins Kippen.

„Vergessen Sie nicht auf den Geburtstag Ihrer Mutter in drei Tagen und reservieren Sie noch heute einen Tisch für ein tolles Geburtstagsessen im Luigi, dem Lieblingslokal Ihrer Mutter!“, steht auf der freundlichen Empfehlung der App zu lesen.

„Immer diese blöde Werbung, woher die das alles nur wissen?“, macht Veronika ihrem Ärger Luft und knallt das Handy nicht gerade sanft auf den Tresen.

Dabei macht sie einen unbeholfenen Schritt rückwärts und kommt beinahe ins Stolpern. Ungeschickt rempelt sie einen Mann, der hinter ihr an der Bar steht, an. So fest, dass dessen erst einmal kurz genippter Wodka-Orange jetzt mehr in seinem Gesicht, als in seinem Glas zu finden ist.

„Mein Gott ist das jetzt peinlich“, denkt Veronika verlegen und setzt bei einer Drehung am Stand um hundertachtzig Grad zur fälligen Entschuldigung an. Nur einen Augenblick später trifft ihr Blick den eines sportlichen Herrn mittleren Alters, mit aufgeknöpftem weißen Hemd und einem George Clooney ähnlichen Lächeln. Ein Moment, in dem, warum auch immer das so ist, die Welt sich nicht mehr dreht und alles einfach stillsteht. So ein Moment, in dem man nicht einmal mehr die Musik um sich herum wahrnimmt. Ein Moment, in dem man in einer Blase von Erwartungen davonschwebt, bis sie vom Neugierreflex durchstochen wird und man irgendwo, irgendwie wieder in der Realität ankommt.

„Hi, ich bin Matt“, spricht ein Mund, von dem Veronika sich noch unendlich viel erzählen lassen würde.

 

 

Aus Kapitel 6,

Geheimnisse

 

Nach der lang anhaltenden Hitze der letzten Wochen tut ein erfrischend kühler Regentag schlicht und einfach richtig gut. So schön der Spätsommer auch sein kann, bei dreißig Grad und darüber stöhnen Mensch und Tier gleichermaßen unter dem von einigen noch immer hartnäckig geleugneten Klimawandel. Manchmal, in seltenen ruhigen Stunden, dann, wenn die geschäftige Hektik eine kurze Pause einlegt, fragt sich auch Veronika, ob und wie viel der digitale Wandel zum Klimawandel beiträgt. Ob und wie viel der Stromverbrauch von Super-Server-Farmen wohl zur Verschärfung des ohnehin schon scharfen Nord-Süd-Konflikts beträgt. Ob und wie viel Konfliktpotential sich wohl durch die Digitalisierung, die in den Augen von nicht wenigen Experten die wahre Globalisierung ist, vermindern lässt. Oder ob die alles umfassende digitale Transformation mit ihrer Turbogeschwindigkeit am Ende nicht doch noch zu mehr Konflikten führen wird. Veronika weiß es, wie alle Normalsterblichen, einfach nicht.

Doch noch etwas fragt sie sich an diesem Tag, an dem die Regentropfen feucht-fröhlich über den Asphalt springen und wie Millionen Edelsteine funkeln:

„Warum um Himmels Willen möchten mich diese Mind Agents treffen? Warum laden die mich ein? Oder laden sie mich am Ende gar vor? Wer zum Teufel sind diese Typen bloß? Na ja, bald werde ich es ohnehin wissen“, grübelt Veronika.  

 

Zwei smarte Burschen, beide, so schätzt sie, um die Mitte dreißig, erwarten Veronika in ihrem Büro im zehnten Stock, das in der Better Life City zu finden ist. An dem Ort, an dem viele der neuen digitalen Wunderfirmen ihren Sitz haben, residiert auch die Better Life Company. Mit einem kleinen Unterschied: sie residiert dort nicht nur, sondern ihr gehört der ganze Gebäudekomplex. Mehr noch, sie nennt den ganzen Stadtteil, das in Rekordzeit von nur drei Jahren aus dem Boden gestampfte Areal der Better Life City, ihr Eigen. 

„Die beiden sehen ganz anders aus, als ich sie mir vorgestellt habe. Eigentlich ganz nett…“, denkt Veronika insgeheim, als sie am oberen Ende des beeindruckend großen Besprechungstisches aus Glas Platz nimmt.

Es fällt ihr wahrlich nicht leicht, in diesem vor Macht und Größe strotzenden Ambiente ruhig zu bleiben. Nervös rutscht sie auf dem schwarzen Designerledersessel hin und her und allmählich beginnen auch ihre rot designten Lippen wieder verräterisch zu zucken. Als ihr Blick jedoch aus den bodentiefen Fensterfronten hinaus über die Dächer der Stadt gleitet, kehrt beinahe so etwas wie innere Ruhe ein. 

„Nun Veronika, schön, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind. Kaffee? Tee? Wasser? – oder Latte Macchiato?“, beginnt einer der beiden smarten Digitalwächter das Gespräch.

„Letzteres, vielen Dank“, antwortet Veronika und fragt sich dabei nicht einmal, woher die beiden so gut über ihre Kaffeevorlieben Bescheid wissen.

„Veronika, wir haben ein kleines Problem. Besser gesagt, Sie haben ein kleines Problem. Doch wir werden es gemeinsam lösen“, spricht Agent Nummer Zwei grinsend in oberlehrerhafter Art, die hart an der Grenze zur Arroganz ist.

„Aha, und welches Problem wäre das?“, will Veronika gänzlich ohne den sonst aufkeimenden Neugierreflex, wissen.

„Das möchte Ihnen unser Chef, der Leiter der Abteilung Special Affairs, gerne selbst erklären.

„Aha, und wer ist das?“, will sie, nun doch dem Neugierreflex  folgend, wissen.

„Wenn ich Sie hier noch um die Unterschrift dieser zwingenden Vertraulichkeitserklärung bitten darf, natürlich nachdem wir Sie über alle Ihre Rechte und Pflichten aufgeklärt haben. Der Boss kommt dann gleich zu Ihnen“, erklärt der erste digitale Hilfssheriff in charmanter Art und Weise, der man sich einfach nicht widersetzen kann.

Nach Veronikas Unterschrift greift er zum Telefon und gibt seinem Boss grünes Licht. Es wird noch einige Minuten dauern, bis der Abteilungsleiter, einer Abteilung mit immerhin mehr als fünfzig Mitarbeitern, die eigens für Sonderfälle zuständig sind, den Raum betritt. Minuten, die Veronika zum Nachdenken und für einen beeindruckenden Blick über die Stadt nützt. Trotz der ungewissen Situation kann sie den Ausblick irgendwie sogar genießen. Sie steht am bodentiefen Fenster und lässt den Blick hinaus in die Ferne schweifen. Inzwischen hat beinahe unbemerkt der Abteilungschef den Besprechungsraum mit dem bezeichnenden Namen „Geheimnis“ betreten.

 

Hat dir der kleine Ausschnitt gefallen? Möchtest du wissen, wie die Geschichte von Veronika und der App weitergeht und was es mit den kleinen und großen digitalen Geheimnissen auf sich hat? 

Willst du wissen, wie es sich lebt, in einer zunehmend digitalen Welt?

Dann freue ich mich, auch dich zu meinen Leser/innen zählen zu dürfen.

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